Von der königlich bayerischen Lateinschule zum modernen Gymnasium

09.02.2018

Erinnerungen des langjährigen Schulleiters Pater Angelus Waldstein-Wartenberg OSB zum 100. Abitur in Ettal

An einem kalten Januartag, der Schnee türmt sich meterhoch im Innenhof, blickt Pater Angelus aus dem Besprechungszimmer des Klosters hinüber auf den Trakt des Gymnasiums, wo heute wie vor über hundert Jahren Latein und Altgriechisch, Mathematik und Deutsch unterrichtet werden. Damals allerdings war nur die Hälfte des heutigen Flügels für die Schüler reserviert, denn in den angrenzenden Bereichen waren in dem 1900 von den Mönchen aus Scheyern wiederbesiedeltem Kloster noch Stallungen und Heuböden untergebracht. Das Ensemble, das wir heute vorfinden, wurde erst nach und nach auch mit der finanziellen Unterstützung des Grafen Cramer-Klett errichtet.

Wenn Pater Angelus jetzt dort hinüberblickt, dann sieht er Buben und Mädchen, denen es heute mit den Texten von Cicero und Platon, den mathematischen Formeln und den Klassikern von Goethe und Schiller vermutlich auch nicht anders ergeht als den ersten Schülern der bayerischen Lateinschule, die 1905 eröffnet hatte: sie suchen nach den richtigen Übersetzungen, stolpern durch Konjugationen und Deklinationen und vor ihren Augen verschwimmen endlose Zahlenkolonnen - es sei denn, sie gehören zu den Glücklichen, denen auch das leicht von der Hand geht und die einfach alles interessant finden. So ein Bub muss Pater Angelus gewesen sein, als er im November 1945, vierzig Jahre nach Gründung der bayerischen Lateinschule in das gleich nach dem Krieg wiedereröffnete Gymnasium kam.

Dass er schon zwei Monate später mit einer ansteckenden Gelbsucht in der Krankenstation lag, bezeichnet er als Glücksfall, war es ihm doch so möglich mit Hilfe von Pater Karl, der ihn täglich am Krankenbett besuchte, Griechisch nachzulernen. Schließlich hatte er es sich mit seinen 15 Jahren in den Kopf gesetzt, nach dem Abitur Theologie zu  studieren, und so war klar, dass er neben Latein auch unbedingt griechische Sprachkenntnisse benötigte. Außerdem mochte er die Sprache, sie fiel ihm leicht und Langeweile hatte er auch - wochenlang alleine in seinem Krankenzimmer. Das Heft mit den Aufzeichnungen hat er heute noch und gerade beim Umräumen seiner Klosterzelle wiedergefunden.

Das aber war nicht der einzige Glücksfall, denn dass Pater Angelus überhaupt als Schüler nach Ettal kam, war eigentlich gar nicht vorgesehen. In den Nachkriegswirren, nach der Vertreibung aus der böhmischen Heimat, war er in die Obhut des jüngsten Bruders seiner Mutter gekommen, der wiederum in Niederbayern bei Verwandten Zuflucht gefunden hatte und der den jungen Karl Albrecht zusammen mit seinem ältesten Sohn schon in Metten angemeldet hatte. Von dort gab es jedoch eine Absage, weil die Schule aufgrund der vielen dort untergebrachten Flüchtlinge noch gar nicht öffnen konnte, und so machte sich der Onkel doch auf den Weg nach Ettal, um die Buben in Schule und Internat anzumelden. Aber auch hier: kein Platz, die vierte Klasse schon voll. Erst nach einigem Hin und Her strich Pater Athanas einen anderen Schüler, von dem man nicht wußte, ob er tatsächlich kommen würde, von der Liste und setzte stattdessen den Namen „Waldstein“ ein. Und so gehört Pater Angelus zu den ersten, die im November 1945 in Ettal wieder einem geregelten Schulunterricht folgen konnten.

Schul- und Internatsdirektor war Pater Stephan, der alle Hände voll zu tun hatte, an die Tradition der 1941 von den Nazis geschlossenen Lateinschule anzuknüpfen. Schon seit 1938 war es den Ettaler Mönchen verboten gewesen, neue Schüler aufzunehmen, drei Jahre später kam das endgültige Aus für die Klosterschule. Stattdessen betrieben die Nazis zunächst ein deutsches Schulheim und ab 1943 die deutsche Heimschule in Ettal. Und so erklärt sich auch, warum im Jahr 2018 die hundertste Absolvia ihre Abiturzeugnisse in Händen halten wird, obwohl die ersten Abiturienten der Lateinschule schon 1914 ihren Abschluss gemacht hatten - fehlen doch aus der Nazizeit vier Abiturjahrgänge.

Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs konnte der große Mäzen des Klosters, Theodor Freiherr von Cramer-Klett, freilich nicht mehr erleben, war er doch schon 1942 verstorben. Er, der so viel Anteil genommen hatte an der Wiederbesiedelung von Kloster Ettal, der einen Teil der neuen Bauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts finanziert hatte und dessen Herz im Kreuzgang in einer kleiner Urnen liegt. Inspiriert von den bayerischen Kurfürsten, die ihre Herzen in Altötting hatten beisetzen lassen, hatte er befunden, dass sein Herz wohl nach Ettal gehöre. Pater Angelus, der all dies zu erzählen weiß, erinnert auch noch andere Begebenheiten aus den ersten Jahren von Schule und Kloster nach der Wiederbesiedelung durch die Mönche aus Scheyern. So gab es an die Lateinschule angegliedert auch ein sogenanntes „Scholastikat“, in dem junge Schüler, die vorhatten, dem Benediktinerorden beizutreten, auf ihren späteren Dienst vorbereitet wurden. Etwa 12 Buben wurden hier unterrichtet, unter ihnen auch der spätere Abt Johannes Höck.

Und in den Jahren 1916 bis 1919 waren dort auch sieben Jugendliche aus Georgien untergebracht, die wohl vor der schwierigen Situation der Kirche in ihrem Heimatland in Ettal Zuflucht gefunden hatten.

Mit großer Kenntnis und viel Liebe zum Detail erzählt Pater Angelus von der Geschichte der Schule, der er - sehr zu seinem eigenen Erstaunen - dann selbst als Direktor von 1984 bis 1997 vorstehen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen, weil die Bürokratie ja nicht unbedingt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte und ein Schuldirektor doch zwangsläufig einiges damit zu tun bekommt. Gerade zur Wendezeit 1989/90 sollte ihm das auch einmal zum Verhängnis werden. Lange Jahre in der Ackermann Gemeinde engagiert und um die Aussöhnung zwischen Tschechen und Deutschen bemüht, waren das ereignisreiche und auch emotional aufreibende Monate, die ihn schließlich vergessen ließen, den erforderlichen Jahresbericht rechtzeitig ans Ministerium zu schicken, was eine Visitation durch das selbige zur Folge hatte. Aber auch das hat er gut überstanden und konnte sich dann mit ganzer Kraft den neuen Kontaktmöglichkeiten zwischen seiner alten Heimat Böhmen und seiner neuen Heimat Ettal verschreiben. Mit Unterstützung seines ehemaligen Schülers und späteren Lehrers Josef Stör rief er die Schulpatenschaft mit Ceska Lipa ins Leben und sorgte viele Jahre lang für einen regen Austausch. Legendär sind die von ihm begleiteten Klassenfahrten nach Prag, die auch ins ehemalige Palais seiner Familie führten, in dem sich kaum jemand so gut auskennt wie Pater Angelus. Fragen nach dem Schmerz über den Verlust der Heimat, über das frühe Ende der Kindheit durch die Flucht und den Neuanfang bei Null, beantwortet er mit einem lapidaren „Wir waren ja nicht die einzigen Flüchtlinge“, so als habe sich das Leid in der Masse besser ertragen lassen.

Mit seinem Engagement und seinem Vorbild hat er jedenfalls ganze Schülergenerationen geprägt und damit sicher das erreicht, was ein humanistisches Gymnasium im Idealfall leisten soll, nämlich eine umfassende Bildung zu vermitteln. Wenn durch Latein und Griechisch auch die Geisteswelt der Antike als Grundlage unserer abendländischen Kultur verstanden wird, verbunden mit einer religiösen Komponente, dann meint Pater Angelus zum Schluss, ist doch schon sehr viel erreicht. Ein „ad multos annos“ muss er nicht hinzufügen, dass er sich das für seine Schule wünscht, strahlt er, der Teil dieser Schulgeschichte ist, ohnehin aus wie kein anderer.

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Stephanie Heinzeller-Scharffenberg (LXVIII)